Written by Volon Tär

Am Steuer – Matthias Zimmermann lenkt die Buslinie 420

Am Steuer – Matthias Zimmermann lenkt die Buslinie by Volon Tär

Auf großer Fahrt mit der Linie 420

Von Robin Koppelmann

Die etwas in die Jahre gekommene Uhr vor dem Busdepot der Braunschweiger Verkehrs-GmbH steht auf 5.57 Uhr und an der Ausfahrt bildet sich eine Schlange. Mehrere Linienbusse wollen das Gelände verlassen – es ist der Höhepunkt der Frühschicht am Depot. Martin Zimmermann ist mit seinem Bus mittendrin: „Zwischen 5 und 6 Uhr geht es hier richtig los“, sagt der Busfahrer. Er lenkt heute ein Mercedes-Fahrzeug, Kennnummer 0902: „Eine Art Lieblingswagen von mir.“ Zimmermann hatte die damals nagelneue 0902 einst vom Hersteller aus Mannheim nach Braunschweig überführt. Er kennt den Gelenkwagen gut.

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Bevor es auf die Straße geht, checkt Zimmermann durch. Funktionieren die Blinker, gibt es Kratzer am Bus? „Man ist für sein Fahrzeug verantwortlich“, erklärt er. Gegen 4.30 Uhr ist der dreifache Familienvater daheim in Groß Denkte aufgestanden, jetzt sitzt er am Steuer des über 300 PS starken Fahrzeugs. Nur etwa drei Stunden Fahrt liegen heute vor ihm, ein sogenannter „Schnippeldienst“. Denn Zimmermann fährt nicht nur Bus, er bildet auch den Nachwuchs der Verkehrs-GmbH aus. Bis etwa neun Uhr will er wieder im Depot sein, dann steht die Unterrichtsvorbereitung an. „Für die Fahrschule nutzen wir übrigens den alten Mannschaftsbus von Eintracht“, betont Zimmermann noch. Denn schon geht es los – vorbei an der alten Uhr, raus auf die dunklen und weitgehend leeren Braunschweiger Straßen. Der Berufsverkehr hat noch nicht eingesetzt.

Die erste Fahrt des Tages führt Zimmermann mit seiner 0902 auf eine Route, von der der normale Fahrgast in der Regel gar nichts mitbekommt. Er lenkt den Mannschaftsbus – ein Zugeständnis des Unternehmens an seine Belegschaft, das noch aus den 50er und 60er Jahren stammt: „Kollegen können hier zusteigen und so kostenlos zur Arbeit fahren“, erklärt Zimmermann. Die Idee des Mannschaftsbusses entstand, als sich viele Arbeiter noch keine Autos leisten konnten. „Lumpensammler“ wurde und wird die Tour daher scherzhaft unter Kollegen genannt. Sie führt heute über den Stadtpark und das Rathaus zum Hauptbahnhof, zum Straßenbahndepot und zurück in den Lindenberg. Etwa eine halbe Stunde hat Zimmermann dafür Zeit – ein eng kalkuliertes Fenster. An diesem Tag zu eng: Schon am Brodweg gehen die Schranken am Bahnübergang runter. Warten ist angesagt.

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Der Stillstand ist eine gute Gelegenheit, über den Beruf des Busfahrers zu sprechen. „Der hat sich extrem gewandelt“, ist Zimmermann, der in diesem Jahr sein 25. Jahr am Steuer feiern wird, überzeugt. Er muss heute die Preistarife auswendig kennen und Tickets verkaufen, dazu Rentnern beim behindertengerechten Einstieg helfen. „Der Fahrgast heißt heute Kunde“, bringt er es auf den Punkt. „Das Busfahren selbst ist für mich eigentlich nur eine Nebenaufgabe.“ Ganz so ist es natürlich nicht, immerhin müssen die Fahrer der Verkehrs-GmbH alle Strecken und die derzeit 1450 Haltestellen im Netz auswendig können. „‚Linientreue‘ gibt es nicht“, sagt Zimmermann scherzhaft. Jeder wird auf jeder Route eingesetzt, das bringe schließlich auch Abwechslung in den Alltag.

Fast zehn Minuten Verspätung hat Zimmermann die Überquerung der Schranken eingebrockt. Am Herzog-Anton-Ulrich-Museum muss er obendrein scharf bremsen. Kinder rennen ohne zu gucken über die Straße und staunen erschreckt, als der Mehrtonner dicht vor ihnen zum Stehen kommt. „Ich habe die schon gesehen, habe aber mit Absicht so hart gebremst“, gibt sich der Busfahrer pädagogisch. Die Schüler sollen durch den Schreck lernen, sich im Verkehr umzuschauen.

Zimmermanns Mannschaftsbus ist heute wenig gefragt, er kann etwas Zeit aufholen. Mit Mike Tschentscher steigt nur eine einziger Kollege am Rathaus zu – und der ist nichtmal Busfahrer. Tschentscher wurde von wenigen Monaten von der Verkehrs-GmbH eingestellt, um Fahrten zu begleiten, in denen Flüchtlinge zur LAB nach Kralenriede gebracht werden. Bevor sein Dienst beginnt, döst Tschentscher etwas in Zimmermanns Mannschaftsbus. Die Ruhe vor dem Sturm.

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Um kurz vor 7 Uhr erreicht die 0902 wieder das Depot, bis zur nächsten Fahrt ist etwas Zeit. Gelegenheit für einen Kaffee in der Kantine, die ist bereits seit 4 Uhr reichlich bevölkert – schon um 3.30 Uhr beginnen die ersten Fahrten. Kantinen-Wirtin Jenny brät den Kollegen dann ein Spiegelei und schmiert Mettbrötchen. Mit Braunschweiger Mettwurst, selbstverständlich.

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Um 7.14 Uhr geht es für Zimmermann weiter, so steht es in seinem Fahrtenbuch. Er bedient heute die Linie 420 – eine der überregionalen Verbindungen, die zwischen Braunschweig und Wolfenbüttel pendelt. Zimmermann gibt den Code für die Route in den Bordcomputer ein. Mittels GPS-Signal errechnet der so in Echtzeit den Standort des Busses, damit die Anzeigen an den Haltestellen richtige Ankunftszeiten anzeigen. Auch die Stationsdurchsage im Bus selbst wird so gesteuert: „Früher ging das noch auf Basis der Reifenumdrehungen.“ Hatten die sich oft genug gedreht, wusste das System, dass die nächste Haltestelle naht.

Heute drehen sich die Räder langsam, der Verkehr zieht sich auf der Strecke. Der Berufsverkehr hat eingesetzt: „Du musst den richtigen Moment abpassen“, weiß der erfahrene Busfahrer. Fährt er zwei Minuten später los, können die Straßen schon komplett dicht sein. Und Verspätungen hat natürlich niemand gerne.

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Zimmermann ist heute fast pünktlich, doch auf der Strecke steigt trotzdem kaum jemand zu. „Direkt vor uns ist eine Hauptlinie gefahren, wir sind eine Verstärkerfahrt“, erklärt er. In Stoßzeiten, wie am frühen Morgen, bedient die Verkehrs-GmbH manche Routen doppelt, so auch die nach Wolfenbüttel. „Hier fahren morgens viele Studenten mit“, sagt Zimmermann. Er biegt vom John-F.-Kennedy-Platz auf die Wolfenbütteler Straße ein, die wenig später zur Autobahn wird. Tempo 80 darf er hier fahren, stehen viele Menschen im Bus nur 60 – Sicherheit geht vor. „Das ist außerdem umweltschonenender“, betont Zimmermann. Kurse, wie spritsparend gefahren werden kann, gehören heute zur Selbstverständlichkeit in der Fahrerausbildung. Außerdem möchte niemand Gefahr laufen, geblitzt zu werden: „Das wird für Busfahrer richtig teuer.“

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In Wolfenbüttel stockt der Verkehr erneut, Zimmermann navigiert sein Fahrzeug durch die engen Gassen rund um den Kohlmarkt. Routine und Augenmaß sind wichtig, ein Bus lenkt sich nicht einfach so: „Die Lenkachse liegt etwa zwei Meter hinter meinem Sitz“, erklärt er – und grüßt sogleich einen entgegenkommenden Bus der KVG-Gesellschaft: „Das ist Ehrensache“, denn Busfahrer bleibt Busfahrer. Ganz gleich, zu welchem Unternehmen er gehört.

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Endstation Wolfenbütteler Bahn, es ist Zeit für eine Zigarette und eine Busbegehung. Sollte etwas liegenbleiben, geben die Fahrer es im Fundbüro ab. Und sind Fahrgäste eingeschlafen, werden sie dezent geweckt. Wohl jeder Busfahrer kann von solchen Geschichten erzählen.

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Die Rückfahrt nach Braunschweig führt nur bis Stöckheim, Zimmermann muss das manchem Fahrgast erklären, der den Fahrplan nicht richtig gelesen hat. „Das kommt immer wieder vor“, sagt er. Auf der anderen Seite gebe es auch Stammkunden, die unter den Fahrern teilweise namentlich bekannt sind. Um 8.31 Uhr steigt der letzte Gast in Stöckheim aus – eine ruhige Schicht geht zu Ende. Doch es gibt auch andere Erlebnisse: Vor ein paar Jahren gastierte die Reserve von Hannover 96 zu einem Fußballspiel in Braunschweig. Zimmermann musste die Hannoveraner Fans vom Bahnhof als Shuttleverkehr zum Stadion bringen. Auf der Tangente ging es nicht mehr weiter – die Polizei hatte die Abfahrt gesperrt, weil Eintracht-Fans auf der Hamburger Straße standen. Die Hannoveraner suchten daraufhin Ärger mit der Polizei, einzelne Fans urinierten sogar aus dem Bus. „Auf der A392 wollten die Beamten, dass ich wende und die Fans dann halt zurück zum Bahnhof bringe“, erinnert er sich. Die Polizei sperrte dafür die Autobahn, doch der Bus war für das Manöver zu lang und steckte fest. Fachleute kamen und sägten die Leitplanken durch, die Fans stritten sich mit der Polizei. Zimmermann ging derweil zu einem Imbiss – was blieb ihm auch anderes übrig. „Erst um 22.30 Uhr war meine Schicht beendet“, erinnert er sich. Kollegen lösten ihn ab und brachten die Fußballanhänger direkt zurück nach Hannover.

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Zurück am Depot, um fast genau 9 Uhr, ist für Zimmermann der Dienst am Steuer vorbei, er wertet die Tageseinnahmen aus dem Fahrscheinverkauf aus und schließt ab – über ein verstecktes Fenster neben der Tür. Bus Nummer 0902 steht nun wieder in Halle 1 und wartet auf die nächste Tour: „Mittags beginnt wieder eine große Schicht“, sagt Zimmermann. Dann aber ohne ihn, er ist erst morgen wieder dran.

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