Written by Volon Tär

Auf Intensivstation – Franco Petrachi kümmert sich um Schwerkranke

Auf Intensivstation – Franco Petrachi kümmert sich um by Volon Tär

Mediziner mit Leib und Seele

Von Stephan Stegmann

Franco Petrachi sieht topfit aus. Um 7 Uhr morgens sitzt er mit einem Pott Tee in seinem Büro auf der Intensivstation der Herz-, Thorax- und Gefäßchirurgie (HTG) im Klinikum Braunschweig. Ausgeschlafen muss er jeden Tag sein. Denn Petrachi muss seine Mitarbeiter koordinieren. Wie das gelingt, entscheidet oft über Leben und Tod eines Patienten.

Petrachi ist pflegerischer Leiter der Intensivstation, auf der ebenfalls seine Frau arbeitet. Auch seine beiden Kinder absolvierten dort ihre Ausbildung. „Ich bin seit 30 Jahren Pfleger mit Leib und Seele“, erzählt der 49-Jährige aus Königslutter. Dennoch lerne selbst er jeden Tag noch etwas dazu.

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Schon am frühen Morgen herrscht Betrieb vor dem Klinikum Braunschweig.

Foto: Stephan Stegmann

Am Puls der Zeit zu bleiben, ist in seinem Beruf lebensentscheidend. Die Tätigkeit des Krankenpflegers wird heutzutage immer noch unterschätzt, meint Petrachi.  Dabei ist es eine anspruchsvolle, mitunter auch heikle Aufgabe. „Die Angst davor, Fehler zu machen, ist bei diesem Job immer da“, erklärt Petrachi. Lähmend dürfe sie bei der Arbeit allerdings nicht sein. „Wir arbeiten den Ärzten immer mehr zu, was das Verabreichen von Medikamenten oder den Anschluss von Patienten an Versorgungsgeräte angeht“, beschreibt der Stationsleiter. Dabei passierten natürlich auch Fehler. „Das ist menschlich. Nur wiegen sie auf dieser Station deutlich schwerer.“

Genauso gehören Schicksalsschläge zum Klinik-Alltag. Allein in einer Woche seien kürzlich drei Patienten auf der Intensivstation gestorben, erzählt Petrachi. Etwa sieben sind es pro Monat. Das lässt Petrachi nicht kalt. Es beeinflusst sogar seinen Lebenstil. Er weiß genau, was Herz, Lunge oder den Gefäßen schadet. Als Krankenpfleger kennt er die Krankheitsbilder, weiß um deren Ursachen. Zunehmender Stress, ungesunde Ernährung, Rauchen oder exzessiver Alkoholgenuss sind bloß einige davon. „Nicht zuletzt deshalb treibe ich zwei Stunden am Tag Sport und ernähre mich vegetarisch. Sport ist meine bewusste Auszeit – und die nehme ich mir.“
Petrachi spricht aus Erfahrung. Was er sagt, wirkt ruhig, fast entspannend. An hektischen Tagen ist das ein Segen für die Ärzte und Patienten. Und für die sechs Pflegekräfte, die im Dreischichtbetrieb alle Hände voll mit zwölf Schwerkranken zu tun haben, die in den Einzel- oder Doppelzimmern liegen. In einem läuft leise ein Radio, in anderen wird das Piepen der Vitalmonitore nur vom stoßweisen Pumpen der Herz-Lungenmaschine übertönt. „Ist der Apparat in Betrieb, muss allein für diesen Patienten ein Pfleger abgestellt werden“, sagt Petrachi. Eine Zerreißprobe, die nicht nur seine Station vor organisatorische Probleme stellt.

Weniger Personal und Einzelbetreuung: Petrachis Kritik: „Es erhöht das Pensum für die übrigen Mitarbeiter, die im Normalfall zwei bis drei Patienten betreuen.“ An diesem Tag fällt ein Pfleger im Spätdienst aus. Es ist 10 Uhr. „Bis 14 Uhr muss ich also jemanden aus dem freien Tag holen, der ihn vertritt“, erklärt der 49-Jährige. Auch jetzt bleibt er ruhig.Und das während permanent Alarmsignale auf dem Krankenhausflur schrillen. Deren Frequenz und Klang unterscheidet ein Kontrollsignal vom lebensbedrohlichen Ernstfall.

Auf dem Gang begegnet Petrachi den Stationsärzten, Oberarzt Dr. Aschraf El-Essawi und Facharzt Ingo Breitenbach. Kurz nach Beginn ihres 12-Stunden-Dienstes kommen beide plaudernd aus der Morgenvisite, nach der einige Patienten gewöhnlich die Intensivstation verlassen dürfen. „Nach einer Herz-Operation ist das etwa nach drei Tagen möglich“, konkretisiert Intensivmediziner Breitenbach. Eine Stunde später kommen bereits die Neuzugänge aus dem OP, ergänzt der 36-Jährige. Mit dem Transport auf Station beginnen dann oft die kritischsten Stunden für die durchschnittlich 60 Jahre alten Patienten.

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Oberarzt Dr. Aschraf El-Essawi und Facharzt Ingo Breitenbach sind die zuständigen Mediziner auf der HTG-Intensivstation.

Foto: Stephan Stegmann

Breitenbach ist Arzt im Klinikum, um Menschen entscheidend zu helfen. „Einige Studienkollegen sahen das erfahrungsgemäß anders“, erinnert sich der junge Familienvater. Schichtbetrieb, Verantwortungsdruck oder die oft unzureichende Vergütung lieferten ihnen Argumente dafür, sich anderes zu orientieren. Lukrativere Jobs wie in der Pharmaindustrie sind oft besser bezahlt, die Arbeitszeiten verträglicher. Dennoch: Für Breitenbach ist es der Traumjob. Einer, bei dem es darauf ankommt, Leben zu retten.
Sein Mentor und Oberarzt El-Essawi vergleicht Ärzte mit Athleten, die auf den einzigartigen Moment in deren Karriere hin trainieren, an einer Olympiade teilzunehmen. „Bei uns sind es viele solcher Momente“, erklärt der 43-Jährige. Augenblicke, die die privaten Entbehrungen und Opfer vergessen machen, die der anstrengende Weg zum Arzttitel unweigerlich verlangt. All das für ein nur allzu menschliches Bedürfnis: „Eine tiefe Befriedigung, die nur wenige Berufe bringen.“

Die Sorge um Patienten lässt sich manchmal auch nach Feierabend nicht abschütteln. Der Erwartungsdruck gehört für den Oberarzt einfach dazu. El-Essawi überlegt kurz, bevor er fortfährt. Dann lächelt er. Zuversicht liegt in seinem Blick, den sich vermutlich jeder seiner Patienten bei ihm wünscht. „Als Ärzte übernehmen wir jedes Mal die Verantwortung für einen Patienten“, erklärt er seine Theorie zum medizinischen Berufsethos. Das komme immer wieder aufs Neue einem Versprechen an den Patienten gleich. „Es bedeutet: Es wird wieder alles gut.“ Und mit der Erfahrung steige die Wahrscheinlichkeit, das Versprechen auch einhalten zu können.
Laut El-Essawi ein gemeinsames Verdienst der Mediziner und Pfleger. „Nur das optimale Zusammenspiel im Team ermöglicht es, dass Patienten die Intensivstation wieder verlassen dürfen.“

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Neue Patienten kommen täglich auf die ITG: Stationsleiter Franco Petrachi betritt den angrenzenden OP-Bereich.

Foto: Stephan Stegmann