Written by Volon Tär

Im Taxi – Tahir Dütrü fährt Kunden umher

Im Taxi – Tahir Dütrü fährt Kunden umher by Volon Tär

10 Stunden durch die Nacht

Von Daniela König

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Über Funk bekommt Tahir Dütrü Aufträge rein. Alternativ sucht er sich die Kunden aber auch auf der Straße.

Seit knapp zehn Jahren arbeitet Tahir Dütrü als Taxifahrer, seit mehr als fünf Jahren ist er für die Taxizentrale 55555 in Braunschweig im Einsatz – Nacht für Nacht. Doch was erlebt der 45-Jährige während seiner Schicht? Wer steigt in sein Taxi? Und wie läuft das Geschäft seit der Einführung des Mindestlohns? Wir begleiten ihn in einer Sonntagnacht von 3 bis 6 Uhr.

3.04 Uhr: „Einmal zur Bierbörse bitte“. Zwei Männer Ende 20 steigen ein. „Wart ihr feiern?“, fragt Tahir. „Auf keinen Fall, wir sind Nicht-Alkoholiker“, scherzt einer von ihnen. Aussprache und Lautstärke sprechen eine andere Sprache. Tahir erfährt, dass einer der beiden Gäste aus Berlin kommt und für das Eintracht-Spiel gegen Arminia Bielefeld am nächsten Tag extra nach Braunschweig gereist ist. Für 6 Euro bringt sie der Taxifahrer zu ihrem Ziel. Als sie aussteigen, verabschiedet sie Tahir. „Morgen drei Punkte?“, fragt er mit einem Augenziwnkern. „Eintracht, olé olé“, sagt einer der beiden, dann schlägt er die Tür hinter sich zu.

In Braunschweig fahren rund 60 Taxen der 55555 umher. Über die Zentrale in Lehndorf erhalten die Fahrer Funkaufträge. In der Zentrale werden die Anrufe der Fahrgäste entgegen genommen, ein spezielles System im Computer sucht Taxen, die in der Nähe frei sind.

Wie genau das funktioniert, erklärt Mitarbeiterin Tanja Juwara:

Geht kein Auftrag über Funk ein, sucht Tahir sich seine Kunden selbst. Dann fährt er durch den Innenstadt-Kern, hält Ausschau nach Leuten, die die Hand ausstrecken und ein Taxi anhalten.

3:15 Uhr: Ein Paar, beide 20, will nach Lehndorf. Die Jugendlichen haben eine durchzechte Nacht in der Disco „Schwanensee“ hinter sich. Jetzt wollen sie nur eines: nach Hause. Wie sie zu den Taxipreisen stehen, fragt Tahir freundlich. „Es kommt immer drauf an, mit wie vielen Leute man sich eins teilt: Zu zweit oder zu dritt ist es schon teuer, mit mehr Leuten geht es“, sagt der junge Mann. Seine Freundin will auf das Taxi nicht verzichten. „Ich wohne in Lamme, fahre daher lieber Taxi als mit dem Bus. Dann weiß ich, dass ich sicher ankomme und bis vor die Tür gebracht werde.“

Job als Taxifahrer ist nicht ungefährlich

Tahir Dütrü liebt seinen Job. Bevor er Taxifahrer wurde, hat er unter anderem als Bäcker, als Pizza-Bote und auf dem Bau gearbeitet. Sein Beruf ist für ihn Leidenschaft. Und doch hat auch er schon böse Erfahrungen gemacht. Vor einem Jahr etwa wurde er während eines Eintracht-Spiel hinterücks angegriffen, als er an seinem Taxi stand und rauchte. Als er sich umdrehte, schlug der Unbekannte auf ihn ein, brach seine Nase. Eine Entschädigung hat er bis heute nicht erhalten, die Berufsgenossenschaft entschied: kein Arbeitsunfall. Seit dem Angriff es Tahir nicht, wenn Angetrunkene alle hinten sitzen. Die Attacke ist ihm noch zu gut in Erinnerung. Deshalb bittet er in einigen Fällen einen Fahrgast, sich zu ihm nach vorne zu setzen. Und es gibt einen weiteren Punkt, der den gebürtigen Braunschweiger mit türkischen Wurzeln ärgert: Bezahlt ein Fahrgast nicht, hängen Taxifahrer in der Luft. „Zu 90 Prozent stellt die Staatsanwaltschaft das Verfahren ein.“ Die Begründung: kein öffentliches Interesse. Auf den Anwaltskosten blieb auch Tahir schon einmal sitzen.

Und trotzdem: Tahir bedeutet der Job als Taxifahrer viel. Seine Devise: Wie der Fahrer, so der Gast. Deswegen hält er seinen Kunden gern die Tür auf, wählt Strecken genau aus: Sind dort viele Ampeln, die die Fahrt unnötig verteuern könnten? Wo sind Baustellen, durch die der Nach-Hause-Weg länger wird? Ich berichte ihm, wie oft ich schon in Taxen saß, in denen der Fahrer mindestens 30 km/h bei strömendem Regen zu schnell fuhr. „Solche Fahrer habe ich gefressen“, sagt Tahir. Diese schwarzen Schafe würden den Ruf der ganzen Branche schädigen.

Neugierig, wie Tahir Dütrü „live“ ist? In diesem Video stellt er sich kurz vor:

4:49 Uhr: Ein junger Mann steigt ins Taxi und will nach Bienrode. Sobald er die Tür zuschlägt, riecht es stark nach Alkohol. Tahir fragt ihn, ob er eine bestimmte Strecke bevorzugt. „Egal, Hauptsache, ich komme an.“ 25 Euro statt 21,50 Euro zahlt er – so viel hat kein einziger Kunde an diesem Abend gegeben. „Morgen drei Punkte?“. „Auf jeden Fall!“

Seit der Fahrpreiserhöhung fällt das Trinkgeld knapper aus

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Tahir Dütrü hat vieles beruflich ausprobiert, bevor er vor zehn Jahren Taxifahrer wurde.

Mit üppigem Tringeld rechnen inzwischen die wenigsten Taxifahrer. Seit es den Mindestlohn gibt und die Taxipreise erhöht wurden, überlegen sich Kunden gründlich, ob sie sich ein Taxi leisten wollen. Früher, so erzählt Tahir, habe jeder Fahrer am Ende des Monats einen prozentualen Anteil vom Gesamtumsatz der eigenen Fahrten erhalten. Jetzt werden 8,50 Euro pro Stunde gezahlt, dazu kommen Trinkgeld und eine Nachtschichtzulage. Die greift ab 22 Uhr.

Hier erklärt Tahir, was Taxifahrer derzeit dazu verdienen:

Seit Dienstantritt um 20 Uhr hat Tahir an diesem Abend 172,50 Euro ohne Trinkgeld verdient. Viel sei das nicht, der Samstag war mau. Das waren 13 Fahrten in zehn Stunden – eine zweistündige Pause inklusive. Die verbringt er gern mit seinem Cousin Deniz, der ebenfalls bei der 55555 arbeitet.

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Tahir Dütrü trifft sich in der Pause gern mit seinem Cousin Deniz, ebenfalls Taxifahrer.