Written by Volon Tär

In der Radio-Frühschicht

In der Radio-Frühschicht by Volon Tär

Sascha Polzin
der Morning-Show-Man

Von Hannah Schmitz

Es ist 5 Uhr morgens. Sascha Polzin ist seit 2.30 Uhr wach. Er hat gerade einmal vier Stunden geschlafen, als er seine erste Moderation macht und Tausende Hörer die Verkehrs- und Blitzermeldungen von ihm über Radio 38 hören. Er räuspert sich einige Male, bis seine Stimme bereit ist, um auf Sendung zu gehen.

Bis zu diesem Zeitpunkt hat er schon einiges erledigt – während seine Frau im Bett liegt und schläft, schleicht Sascha Polzin ins Badezimmer, springt unter die Dusche, putzt die Zähne. Es ist stockduster, als er um 3 Uhr aus der Haustür tritt. In dem kleinen Örtchen in der Nähe von Peine ist um diese Uhrzeit nur die Zeitungsausträgerin mit einem Fahrrad unterwegs. Man grüßt sich, man kennt sich, man sieht sich fast jeden Tag. Sascha Polzins Tagesablauf ist genau durchgetaktet. Um halb vier wird er in Braunschweig in der Redaktion ankommen. Dort kocht er sich als erstes einen Kaffee, raucht eine Zigarette  und setzt sich dann an seinen Schreibtisch. Hat er sich an das frühe Aufstehen gewöhnt? „Je älter man wird, desto schwieriger wird es“, sagt er.

Der 40-Jährige macht seit 16 Jahren Radio, es ist seine Leidenschaft. Bei dem Sender Project 89.0 hat er sich in den frühen 2000er Jahren als Mad Dog einen Namen gemacht. Er war einer der „Personalities“ des Senders. Als Mad Dog spielte vor allem Rock-Hits – von Him, über Blink 182 bis Nirvana -, blondierte sich seine Haare gelb-blond und ging für eine Reportage schon einmal in das Trainingslager einer Cheerleader-Mannschaft. „Das war eine geile Zeit“, sagt er. 2003 wurde Project 89.0 zu RTL 89.0. Aus Mad Dog wurde Sascha. Der Wechsel war ein Einschnitt – auf einmal spielte er auch Britney-Spears-Hits. Viele seiner Hörer haben ihm diesem Schritt übel genommen. Der Wechsel habe ihm aber nicht geschadet, sagt Polzin. Dennoch trafen ihn die Reaktionen damals. Bei RTL hat er dann einige Jahre lang die Nachmittags-Show und den Samstagmorgen moderiert und den Shows seinen Stempel aufgedrückt. Danach ging es für ihn weiter zu Rockland Sachsen-Anhalt, danach zu Radio SAW.

Jetzt ist Polzin seit gut einem Jahren der Morning-Show-Man bei Radio 38. Der Sender ist ein Regionalsender für den Großraum Braunschweig und Wolfsburg, der im Januar 2015 das erste Mal on air ging. Hier wurde aus Sascha schließlich Sascha Polzin. Der Moderator ist also von Anfang an dabei, er hat auch diesem Sender seinen Charakter mit aufgedrückt. Viele Ideen für Radio-Beiträge stammen von ihm. Das Konzept hier  ist jedoch ein anderes, als bei den Sendern, bei denen er zuvor gearbeitet hat. „Wir konzentrieren uns nicht auf Personalities“, erklärt er. Im Fokus stehen die Inhalte, die vor allem regional sind. Die Wortbeiträge sind hoch – immerhin 15 Minuten pro Stunde, für einen privaten Radiosender ist das viel. Zwischen Verkehrs- und Blitzermeldungen, Wetteransagen und Nachrichten moderiert Polzin Beiträge oder Lieder an – er unterhält die Menschen am Radio. „Die Hörer hören dich jeden Morgen. Sie verbinden etwas mit dir. Du stehst mit ihnen unter der Dusche, bist in den intimsten Momenten bei ihnen“, erklärt er. Polzin hat vor dem Mikrofon immer ein Lächeln auf den Lippen, auch wenn ihn keiner sieht. „Man hört das.“

Zuhause und auf dem Weg zur Arbeit checkt der Moderator schon die neuesten Nachrichten auf seinem Smartphone. Besonders die Sportnachrichten sind wichtig, etwa wenn am Abend zuvor ein Spiel von Braunschweig oder Wolfsburg stattgefunden hat oder ein wichtiges Champions-League-Spiel. So wie an diesem Tag. Wolfsburg hat Gent 3:2 besiegt. Er verschafft sich einen Überblick: Wer hat die Tore geschossen, war das Spiel spannend, fielen Tore in der letzten Minute? Im Büro wird er dazu noch O-Töne von Spielern und Trainern heraussuchen. Es ist 3.35 Uhr als Sascha Polzin das Redaktionshaus betritt. Es ist wie ausgestorben. Und wenn der Fahrstuhl steckenbleibt? „Der Notruf funktioniert ja trotzdem“, sagt er.

Sein erster Gang im Büro führt ihn zur Kaffeemaschine. Dort setzt er direkt eine Kanne auf. Im Laufe des Tages werden weitere folgen. Wie viele Tassen trinkt er pro Tag? Polzin überlegt kurz. „Drei bis vier“, er stockt. „Hektoliter“, grinst er. Der Morning-Show-Moderator in ihm pariert solche Fragen mit Antworten, die nicht ernst gemeint sind, wie im Schlaf.

3.45 Uhr: Sascha Polzin hat jetzt noch eine Stunde und fünfzehn Minuten Zeit, um seine Sendung vorzubereiten. Als erstes nimmt er sich die Nachrichtenmeldungen vor, die eingelaufen sind. Er kürzt die Sätze, holt das Relevanteste raus, vereinfacht die Sprache. „Sprechen fürs Radio“ – dazu gibt es zuhauf Seminare an Universitäten und Journalistenschulen. Polzin hat diesen Sprech verinnerlicht. Er weiß, welche Satzlängen der Hörer am Radio noch nachvollziehen kann, weiß, wann Einschübe oder Abkürzungen gestrichen werden müssen, weil sie am Radio keiner mehr versteht.

Als nächstes ist der Sport dran. Er spricht die Meldungen in einer Sprecherkabine in der Redaktion ein. Vorher übt er die Namen. Die der Wolfsburger Spieler, auch die brasilianischen, sitzen. Für den Gent hat allerdings ein Stürmer aus Mali zum 2:3 getroffen.“Cou.. Coulibä…Coulibaly. Kalif Coulibaly, alles klar,“  übt Polzin. „Es ist noch früh am Morgen“, lacht er. In der Kabine räuspert er sich einige Male, bis die Stimme frei ist zum Sprechen. Die Sportnachrichten werden etwa vier Mal am Tag abgespielt. An seinem Platz hört er sich seinen Einsprecher noch einmal an. Dann schneidet er in einem Audioprogramm an seinem Computer zu lange Sprech-Pausen heraus. Er ist zufrieden. Als nächstes spricht er das „Wissen to go“ ein. Hörer haben die Möglichkeit, den Radio-Moderatoren per E-Mail Fragen zu stellen. Die recherchieren dann die Antwort und sprechen sie in kurzen Wissen-to-go-Clips ein. Eine Hörerin will zum Beispiel wissen, warum es heißt, dass Adlige blaues Blut haben.

4.25 Uhr: Um vier Uhr ist Nachrichten-Mann Marc-André Kohrt, Sascha Polzins Sparrings-Partner im Studio, in die Redaktion gekommen. Der 23-Jährige ist das erste Mal um 5.18 Uhr zu hören, um 5.38 Uhr kommen von ihm die ersten Regionalnachrichten. Jetzt bleibt aber erst einmal noch Zeit, um auf dem Balkon zusammen eine zu rauchen. Später werden sich Polzin und Kohrt vor dem Mikrofon die Bälle zuwerfen. Marc-André Kohrt kann sich dabei auf Polzin verlassen. Er ist ein alter Hase im Geschäft und kann Versprecher in der Live-Sendung mit einem Einspieler oder einem Spruch überspielen oder auf’s Korn nehmen – dazu kommt es allerdings nur selten. Auch Kohrt ist schon erfahren genug, um vor dem Mikrofon locker zu bleiben. Heute hat sich Polzin den „Tag des Weins“ ausgesucht, um für die Hörer ein bisschen mit seinem Kollegen plänkeln zu können. Wenn etwas lustig ist, heißt es: laut – oder zumindest hörbar – lachen. Ein Grinsen dringt schließlich nicht durch das Mikrofon. „Das lernt man schnell“, sagt Polzin. Das Lachen sei ja trotzdem nicht aufgesetzt. Man gewöhne sich als Radiomoderator einfach an, hörbar zu lachen, wenn andere  vielleicht nur schmunzeln würde.

10 Uhr: Sascha Polzin hat fünf Stunden lang moderiert. Er hat Hörer über die Verkehrslage, das Wetter und die Nachrichten auf dem Laufenden gehalten und sie mit Geschichten aus der Region unterhalten. Jetzt wechselt er wieder vom Studio an den Schreibtisch. Auf seinem Arbeitszeitkonto sind schon 6,5 Stunden verbucht. Es kommen noch einmal einige hinzu. Er recherchiert, produziert Antworten auf Hörerfragen, ruft CD-Gewinner an, trifft Terminabsprachen, nimmt an Meetings teil und bereitet sich auf die nächste Sendung vor. „Ich bin glücklich, wenn ich auch strategische Sachen machen kann“, sagt der 40-Jährige. So hat er zum Bespiel über das populäre Storchenpaar aus dem Landkreis Gifhorn ein kurzes Comedy-Märchen produziert, in dem er ihre Liebesgeschichte nacherzählt. Auf Sendung ging das Stück, als die Storchen aus ihrem Winterquartier zurückgekehrt sind. Er hat viele Arbeitsstunden in das Projekt gesteckt – gespielt wurde es im Sender aber nur wenige Male. „So ist das beim Radio“, sagt er. Es lohne sich trotzdem, man binde durch solche Features auch Hörer an den Sender. Täglich gibt es Reaktionen auf die Beiträge und Moderationen.“Wenn ich merke, ich berühre die Menschen, das ist schön“, sagt er und lächelt dabei.