Written by Volon Tär

Im Kuhstall – um 5 Uhr wird gemolken

Im Kuhstall – um 5 Uhr wird gemolken by Volon Tär

Die Evers und ihre 80 Damen

Von Anna K. Waiblinger

Hätte Helmut Evers einen Hahn, dann hätte der sicher noch nicht gekräht. Es ist 5 Uhr morgens und stockfinster, als sich der Milchbauer auf den Weg über den dunklen Hof in den Kuhstall macht. Das Gut des Landwirts liegt in Wahrenholz im Kreis Gifhorn – in seiner eigenen Straße, dem Eversweg. Denn: Bereits die 18.Generation führt den Betrieb. Seit 1489 gibt es den Milchbauernhof.

Im Stall warten 80 „Damen“ auf Evers. Bullen hat der Milchbauer keine. „Nur Frauen um mich herum – ich habe drei Töchter“, sagt er scherzend. Wenn Kühe Bullen auf die Welt bringen, bleiben sie nur wenige Wochen auf dem Hof in Wahrenholz. Dann werden sie zu anderen Landwirten gebracht, die sie mästen. Für Milchbauer Evers bedeutet das: „Am besten bekommen meine Damen Mädchen, die dann zu neuen Milchkühen heranwachsen.“

5.05 Uhr. Im Kuhstall ist kein Mucks zu hören. Die Milchkühe liegen ruhig in ihren Boxen. Zum Teil schlafen sie noch. Nur Border-Collie Balu hechelt leise vor sich hin. Evers schaltet das Licht ein, damit die Kühe wissen: Bald geht es los an den Melkstand.

Dann weckt Evers die Kühe langsam auf. Wie das am besten gelingt? „Mit Radiohören. Bei Oldies fühlen sich die Kühe am wohlsten.“ Außer Samstags: „Dann hören sie mit mir am liebsten die Bundesligaergebnisse.“

„Klick“. Schon ist die Anlage an. Ihre Boxen schallen in den Kuhstall und in die Melkanlage. Mit „Waterloo“ von ABBA werden die Tiere heute wach. Nach und nach erheben sie sich aus ihren Liegeboxen.

Die Kühe wachen langsam auf und erheben sich aus ihren Liegeboxen - noch ohne Musikbeschallung.
 

Bis alle Tiere stehen, trinkt Evers einen Cappuccino in seinem kleinen Büro. Durch ein Fenster blickt er in den Kuhstall und sieht, wann er mit der Stallarbeit beginnen kann.

Solange kümmert sich der Landwirt um die Büroarbeit, trägt in ein Tagebuch ein, welches Tier Probleme mit den Hufen hat, welches trächtig ist, welches bald besamt werden kann. „Den Überblick zu behalten, ist das A und O.“ Landwirte seien heute immer stärker mit Auflagen konfrontiert. „Wir müssen so gut wie jeden Schritt nachweisen können.“

Sind alle Kühe wach, geht Evers aus dem Büro in den Stall. Dann greift er sich eine Schaufel und schiebt den Kuhmist in die Güllerinne. Anschließend schaltet er die Güllepumpe an. Sie erfüllt den ganzen Hof mit ländlichen Gerüchen. Weshalb der Milchbauer die Pumpe so früh am Morgen einschaltet?

Die Kühe bewegen sich gemächlich durch den Stall. Manche fressen, andere nutzen die Komfortzonen: zum Beispiel die Bürsten, an denen sie sich das Fell massieren lassen können. „Dieser Luxus für meine Damen ist mir wirklich wichtig“, sagt Evers. Auch Klauenpflege gehöre dazu: „Ich habe extra einen Klauenstand im Stall eingerichtet“, erzählt der Landwirt stolz.

Zum Komfort gehört für den Milchbauern auch, dass die Kühe auf weichem Stroh liegen. Denn: Milchkühe sollen nicht viel stehen, sondern in Ruhe – und liegend – wiederkäuen. So fühlen sie sich am wohlsten und geben am meisten Milch. Deshalb polstert der Landwirt die Boxen zwei Mal am Tag mit frischem Stroh aus.

Die Euter der Milchkühe sind prall gefüllt. Schwer und straff hängen sie herunter. „Bis zu 60 Liter Milch kann eine Kuh auf einmal geben“, erklärt der 57-jährige Landwirt. Melken ist für die Kühe eine Erleichterung. Deshalb treibt Evers die Tiere zusammen, damit es bald losgehen kann. Um die Kühe in Bewegung zu versetzen, motiviert er sie mit lauten Rufen.

Evers treibt seine Kühe zum Melken zusammen.

Jeweils zwölf Kühe passen gleichzeitig in den Melkstand. Das bedeutet sieben Runden Melken für Helmut Evers. Jede Runde dauert zehn bis fünfzehn Minuten. „Kommt ganz darauf an, wie viel Milch unsere Damen geben.“ Die Runde, die am längsten braucht, beginnt den Melkmarathon. „Das sind die Kühe mit der meisten Milch.“

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Helmut und Birgit Evers am Melkstand

Gegen 6 Uhr kommt Evers‘ Frau Birgit in den Stall. Sie gibt beim Melken den Ton an. Während sie die Melkmaschine vorbereitet, schubst Helmut Evers die letzte Kuh sanft in den Melkstand. Eigentlich kennen die Tiere den Weg und legen ihn selbstständig zurück – „nur manchmal muss man etwas nachhelfen.“

Dann geht es los. Eine Kuh nach der anderen wird im Melkstand um ihre Milch erleichtert.

Wie die Milchbauern die Zitzen vorbereiten müssen, bevor sie die Melkmaschine ansetzen können, erklären sie hier selbst:

Helmut Evers erklärt, wie er die Kühe melkt.

Zweieinhalb Stunden lang trotten jeweils zwölf Kühe in den Melkstand. Solange reinigen die Milchbauern die Zitzen, melken an, putzen die Euter – und erst dann setzen sie das Melkgeschirr an. Es saugt sich per Vakuum an den Zitzen fest.

Eine Maschine rechnet mit, wie viel Milch jede einzelne Kuh gibt. Die weiße Flüssigkeit fließt in einen großen Tank. Wenn die Euter leer sind, fällt das Melkgeschirr von selbst ab. Anschließend desinfizieren die Milchbauern die Zitzen mit einer cremigen Lösung.

Pro Liter Milch bekommen die Evers 27,5 Cent. Um die laufenden Kosten zu decken, bräuchten sie 35 Cent je Liter. „Sie sehen, Milch ist ein Verlustgeschäft“, erklärt Evers. Nur durch Subventionen kann sich der Milchbauer finanzieren.

Sein Betrieb stehe aber noch ganz gut da, erzählt Evers weiter. „Weil unsere Milch überwiegend zur Weiterverarbeitung zur Großmolkerei nach Uelzen geht.“ Weshalb die Milchpreise so schlecht seien? „Schuld hat der Weltmarkt, der drückt die Preise immer und immer weiter“, kommentiert der Milchbauer. Vor eineinhalb Jahren habe er noch 40 Prozent mehr bekommen.

2100 Liter Milch fließen pro Melkdurchgang in den großen Tank. Große Teile davon werden zu Trockenmilchpulver verarbeitet – oder landen in Käse oder Jogurt. „Direkt trinken können Kunden unsere Milch nur, wenn sie sie hier vom Hof holen.“ Einen kleinen Teil zwackt der Milchbauer ab – für den Schuss im Kaffee. Mit dem Rest füttert er die Kälber. „Und die Katzen bekommen auch was ab.“

Während Helmut und Birgit Evers mit dem Melken der Kühe beschäftigt sind, packt auch ihr Auszubildender Luke Harms kräftig mit an. Gegen halb 6 schleicht er in den Stall, um sich an sein Tageswerk zu machen. Harms sorgt dafür, dass die Kühe nach dem Melken genug zu fressen in ihrer Futterrinne finden. „Denn dann sind die Kühe ziemlich hungrig“, erklärt er. Mit einer Schaufel schiebt Harms die Futtermischung an die Gitter heran. Dass Kühe nach dem Melken im Stehen fressen, hat auch noch einen Vorteil: „Dann können sich die Zitzen in Ruhe schließen und es kommen keine Bakterien in den Euter.“

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Auszubildender Luke Harms hilft ab halb 6 Uhr bei der Stallarbeit. Er schiebt das Futter für die Kühe näher an die Fressrinne heran.

Nachdem der Auszubildende das Futter verteilt hat, sind auch die Milchbauern Evers mit dem Melken fertig. Dann heißt es: putzen. „Hygiene ist im Melkstand extremst wichtig“, erklären sie. Deshalb machen sich Luke Harms und Birgit Evers gleich daran, den ganzen Stand mit einem Hochdruckreiniger zu säubern. Jedes einzelne Melkgeschirr wird abgebraust und durchgespühlt. „Das Wasser ist kochend heiß, damit keine Bakterien zurückbleiben“, erklärt Birgit Evers.

Mittlerweile ist es draußen hell geworden. Es ist halb 9 Uhr.

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Nach dem Melken muss der Melkstand mit einem Hochdruckreiniger gereinigt und desinfiziert werden.

Während Birgit Evers sich ins Bauernhaus zurückzieht, um das Frühstück vorzubereiten, kümmern sich Helmut Evers und sein Azubi um weitere Handgriffe im Stall. Zuerst geht der Milchbauer mit der abgezwackten Milch im Eimer über den Hof, um die Kälber zu füttern. „Oh, eines steht nicht auf“, stellt Evers fest. „Luke, guckst du mal nach?“

Gesagt, getan. Schon streichelt der Auszubildende das Kälbchen zur Beruhigung, während er ihm das Fiebertermometer in den Allerwertesten steckt. 38,5 Grad zeigt es an  – für Kühe eine ganz normale Temperatur. „Der Kleine hat nichts, zum Glück“, ist der Landwirt beruhigt.

Das ist das oberste Ziel des Milchbauers – gesunde und glückliche Kühe. Deshalb hat Evers auch einen klaren Favoriten im Stall: „Die Kuh mit der Stallnummer 77. Sie ist nicht die schönste, gibt nicht die meiste Milch – aber sie hat so gut wie noch nie einen Tierarzt gesehen.“

Evers kümmert sich nach dem Melken um die Kälbchen. Sie bekommen Milch, die nicht in den Verkauf gehen kann.

In ihrem Leben geben Evers Kühe bis zu 100 000 Liter Milch.  Das tun sie aber nur, wenn sie vorher gekalbt haben. Daher ist es für den Milchbauern wichtig, die Tiere möglichst oft trächtig zu bekommen. Auch heute muss Evers eine Kuh besamen. „Die da hinten ist dran“, sagt er. Für jede Kuh gibt es individualisiertes Ochsensperma. „Ich bekomme Vorschläge, welche Eigenschaften des Bullen am Besten zu denen meiner Kühe passen. Gibt eine zu wenig Milch, dann bekommt sie Sperma eines Bullen, der das Kälbchen diesbezüglich positiv beeinflusst“, erklärt der Landwirt.

Die Besamung muss blitzschnell gehen. Aus einem Trockeneisbehälter holt Evers eine Spermaprobe, taut sie wenige Sekunden auf und füllt sie in die Besamungspistole. Damit die auf Körpertemperatur bleibt, steckt sie der Milchbauer unter seinen Pullover. Zwei lange Plastikhandschuhe schützen Evers Kleidung bis zu seinen Schultern. Das ist auch bitter nötig: Steckt der Landwirt seinen Arm schließlich weit in die Kuh, um die Samen an der richtigen Stelle zu platzieren. Dann drückt Evers die Pistole ab – das Sperma ist platziert. „Jetzt heißt es, abzuwarten.“

Mittlerweile ist es kurz vor 9 Uhr. Die Kühe stehen friedlich an der Futterrinne und fressen sich eine neue Grundlage zum Wiederkäuen an. Zeit für die Milchbauern und den Azubi, sich selbst zu stärken. Zu Dritt setzen sie sich an den Küchentisch im Bauernhaus und essen frische Brötchen vom Bäcker – und trinken natürlich bauchwarme Kuhmilch dazu.

Nach dem Melken müssen die Kühe kurz stehen, damit sich die Zitzen schließen können. Dabei fressen sie - denn Melken macht hungrig.

Vier Stunden haben sie bis zum Frühstück gearbeitet. „Um kurz vor 16 Uhr geht dann die zweite Runde los“, sagt Evers, während er sich sein Brötchen mit Marmelade beschmiert. Jeden Tag absolvieren die Evers zwei Melkrunden. Unter der Woche. Am Wochenende. Über 350 Tage im Jahr. „Nur selten gönnen wir uns mal übers Wochenende etwas Urlaub“, sagt Evers. Dann helfen ihre Kinder aus.

Trotzdem liebt er seinen Job. „Wenn die Kühe glücklich sind, bin ich es auch.“ Auch wenn er dafür um kurz vor 5 Uhr aufstehen muss.

Videos von Helmut Evers aus seinem Kuhstall gibt es auch auf der Plattform http://www.mykuhtube.de/my-kuhtube/helmut-aus-dem-landkreis-gifhorn/.