Written by Tessa Ranzau

Unterwegs nach ColdHeeseberg

Unterwegs nach ColdHeeseberg by Tessa Ranzau

Schnee wirbelt auf, hüllt die Hufe in kleine weiße Wolken. Jack prescht über die verschneite Wiese. Im Galopp. Ihm macht die Arbeit sichtlich Spaß. Arbeit bei minus 12 Grad. Ein Januarmorgen, an dem Menschen ihre Hufe lieber unter der Bettdecke lassen. Ronja Engel und ihre Mutter Andrea nicht. Sie reiten. Ein kleiner Winterausritt. Zusammen mit Pippa, eine fünfjährige Appaloosa-Stute, ein Westernpferd, gerade in der Pubertät. Jack ist mit seinen 18 Jahren eher der Senior, ein American Quarterhorse, das wahrscheinlich die Strecke von Laramie nach Buffalo auswendig kennen würde. Doch sein Corral steht nicht in Wyoming oder in Tombstone, sondern in der Nähe von Didderse, Kreis Gifhorn. Der Sanddorn Corral am Heeseberg. Cold Mountain am Rand der Heide.

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„Reiten ist für mich Seelenhygiene. Wenn ich vom Pferd steige, geht es mir gut“

 

Die Pferde sind Kälte gewohnt. Sie stehen das ganzes Jahr im offenen Stall und auf der Weide. Ihr Winterfell schützt sie. Eher ist der gefrorene Boden ein Problem. Die junge Pippa ist an diesem Morgen etwas unruhig. Deshalb wird sie zunächst geführt, nicht geritten. Westernreiter arbeiten mit ihren Pferden ohnehin viel am Boden, machen Lockerungsübungen, schaffen vor allem eine Basis des Vertrauens, des Verständnisses für Pferd und Reiter.

Natural Horsemanship, der harmonische Umgang, die Partnerschaft von Pferd und Reiter wird bei Westernreitern groß geschrieben. Wie bei den Cowboys. Für sie war ihr Pferd von existenzieller Bedeutung. Je besser ihr Vertrauen und Verständnis füreinander, desto besser beider Arbeit. Zum Beispiel beim Viehtrieb. Da allerdings hätte Jack so seine Probleme. Der macht um Kuhweiden lieber einen großen Bogen, erzählt Andrea schmunzelnd. Sagt’s, setzt ihren Westernhut auf und steigt in den Sattel.

Über den Paddocks flattert die US-Flagge. Hinter dem Sanddorn Corral, bis 2008 die Ranch von Hartmut Keuchel, Pionier der Westernreiterei in Deutschland und mehrfacher Europameister, führt der Weg in die Feldmark. Keuchels Philosophie des Westernreitens passt perfekt: „Ohne Druck, Stress und Gewalt, sondern mit Ruhe und Respekt.“ Andrea reitet Schritt mit Jack. Sie genießen es beide, die Bewegung, die Natur. „Reiten ist für mich Seelenhygiene. Wenn ich vom Pferd steige, geht es mir gut“, sagt Andrea.

Als sie mit Jack in einen verschneiten Waldweg biegt, scheut er einen Moment. Herabrieselnder Schnee hat ihn erschreckt. Alles gut. Jack beruhigt sich gleich wieder, und Andrea freut sich über ihren Westernhut. Der Schnee bleibt auf der breiten Krempe liegen. Passende Kleidung gehört für Westernreiter dazu, ist zweckmäßig und schützt den Reiter. Deshalb trägt Ronja auch Chaps, eine Überhose aus Leder.

Andrea und Jack reiten den Waldweg hinunter. Der Schnee knirscht unter den Hufen. Die Szene erinnert an „Unterwegs nach Cold Mountain“. Der Western. Als Ada (Nicole Kidman) auf der Suche nach Inman (Jude Law) durch den Schnee reitet. Doch dieser Ausritt am Cold Heeseberg am Sanddorn Corral hat im Gegensatz zum Film ein Happy-End! Reiter glücklich, Pferde glücklich – ein Ausritt bei wunderbarem Winterwetter.


Fakten

Westernreiten ist eine Reitweise, die ihren Ursprung in der Arbeitsreitweise der Cowboys hat. Sie saßen manchmal mehr als 10 Stunden im Sattel. Deshalb gehört eine bequeme Gangart dazu und ein entsprechend bequemer Sitz. Anders als beim klassischen englischen Reiten (Dressur) wird nicht permanent auf die Pferde eingewirkt. Es reicht ein kleiner Impuls. Die Pferde reagieren auf kleinste Gewichts- und Schenkelhilfen.
Natural Horsemanship ist die Bezeichnung für einen pferdegerechten Umgang mit dem Ziel einer harmonischen Kommunikation und Partnerschaft zwischen Mensch und Pferd.
American Quarterhorse heißt die größte Pferderasse der Welt. Rund 4,6 Millionen Pferde sind registriert.
Appaloosa ist eine nordamerikanische Pferderasse, die ursprünglich von spanischen Pferden abstammt.
Corral ist eine Pferdekoppel.
Paddock ist ein umzäunter Auslauf für Pferde.
Chaps sind Überhosen aus Leder zum Schutz der Beine.


Text: Dirk Kühn, Fotos: Stefan Lohmann, Musik: Markus Kater, Umsetzung: Philipp Engel