Written by Tessa Ranzau

Weihnachten im Ersten Weltkrieg

Weihnachten im Ersten Weltkrieg by Tessa Ranzau

Prolog

Ein Schatz in einer Holzkiste

Selten haben wir Deutschen so kontrovers über Ursachen und Folgen des Ersten Weltkriegs diskutiert wie in diesem Jahr. Die Erinnerung an 1914 war lange überdeckt von den schrecklichen Verbrechen und Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg. Erst jetzt, nach 100 Jahren, wird vielen Menschen klar, wie lehrreich und aktuell – etwa mit Blick auf den Ukraine-Konflikt – die Ereignisse von 1914 sind.

Auch Henning Habekost aus Braunschweig hat sich in diesem Sommer an Unterlagen seines Großvaters Fritz aus dem Ersten Weltkrieg erinnert. Er ist überrascht, was er alles in einer Holzkiste auf dem Dachboden entdeckt: zehn Notizbücher mit gut lesbaren Tagebucheinträgen, eine Erkennungsmarke, Schulterklappen, Orden, Urlaubsscheine und ein Album mit etwa 200 Fotoabzügen. Fritz Habekost hatte die Bilder selbst mit einer ebenfalls erhaltenen Kamera auf 4,5 mal 6 Zentimeter große Glasplatten gebannt. Diese faltbare „Lilliput“- Taschenkamera der Dresdner Firma Ernemann war 1914 gerade auf den Markt gekommen und technisch gesehen der letzte Schrei.

„Da hat Herr Habekost einen wahren Schatz geborgen“, sagt Wulf Otte vom Braunschweigischen Landesmuseum. Habekosts Bilder zeigen seltene Motive wie gefangene russische Soldaten oder die Toten in einer französischen Stellung nach einem Gas-Angriff. „Obwohl erstaunlich viele Soldaten bereits im Ersten Weltkrieg Kameras besaßen, gibt es nur wenige Bilder von Opfern und Leid“, erklärt der Historiker. Auch die Tagebücher hält er für einen ganz besonderer Fund, weil sie die Kriegserlebnisse eines Soldaten aus dem Braunschweiger Land lückenlos dokumentieren. Zwar hätten von 1914 bis 1918 Millionen von Soldaten Milliarden Feldpostbriefe und Tagebücher geschrieben, doch viele Dokumente seien in den Feuerstürmen des Zweiten Weltkriegs verbrannt oder weggeworfen worden.

Henning Habekost haben die Tagebücher und Fotos emotional tief berührt. „Was mein Großvater in der Schlacht von Verdun durchmachen musste, beschäftigt mich sehr. Und dass er mitten im Krieg seine große Liebe gefunden hat, ist ein rührendes Kapitel unserer Familiengeschichte“, sagt der pensionierte Lehrer und Heimatpfleger der Braunschweiger Südstadt.

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Fritz Habekost (obere Reihe, Zweiter von links) im Jahr 1913 beim Erinnerungsfoto mit seiner Batterie in Straßburg.

Kriegsweihnacht. Väter, Brüder, Söhne sitzen nicht am Gabentisch, sondern kauern im Schlamm der Schützengräben. Oder sind gefallen – fast 800.000 Todesopfer hat der Erste Weltkrieg seit dem Sommer gefordert. Weihnachten 1914 – kein Fest des Lichtes, sondern ein Fest der Finsternis.

Fritz Habekost aus Mascherode bei Braunschweig erlebte seine erste Kriegsweihnacht im fernen Flandern. Der 1891 geborene Sohn eines Maurermeisters trat im Oktober 1913 seinen Wehrdienst in Straßburg im Elsass an. Als frisch ausgebildeter Baugewerksmeister schlüpfte er in die Uniform eines Kanoniers bei der schweren Artillerie. Anfang August 1914 zog er mit der 5. Batterie des Niedersächsischen Fußartillerie-Regiments Nr. 10 in den großen Krieg. Dass dieser Konflikt bis Weihnachten dauern, dass er sogar mehr als vier Jahre zu Land, zu Wasser und in der Luft wüten sollte – unvorstellbar.

 Fritz Habekosts Kriegserlebnisse füllen zehn Notizbücher. Vom 1. August 1914 bis zum 6. Dezember 1918 schrieb er täglich auf, was ihm bemerkenswert schien. Außerdem fotografierte er ab 1915 mit einer kleinen Kamera. 100 Jahre später erzählen uns Tagebücher und Fotos, wie ein junger Mann aus dem Braunschweiger Land den Ersten Weltkrieg erlebte, wie er überlebte – und wie er mitten im Krieg seine große Liebe fand.

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Weihnachten 1914 im Kriegstagebuch von Fritz Habekost

 1914

Gott sei Dank haben wir wenigstens den Heiligabend im Felde miterlebt: Wir hatten einen schönen Baum und Lichter.“

Nüchtern, präzise, in sauberer Schreibschrift schilderte Habekost, wie seine Batterie am 8. August 1914 in Straßburg abmarschierte. Das vielzitierte „Hurra“ zum Kriegsausbruch kam den Elsässern nicht über die Lippen – und die Soldaten mussten anstrengende Märsche in der Sommerhitze bewältigen, 40 Kilometer pro Tag neben den rumpelnden Rädern der schweren Haubitzen. Stündlich wuchs die Anspannung vor dem ersten Gefecht. Am 11. August 1914 wurden Habekost und seine Kameraden bei Mülhausen erstmals mit der tödlichen Realität des modernen Krieges konfrontiert.

Diese Kämpfe in den Vogesen waren nur ein Vorgeschmack auf den Stellungskrieg. Von Elsass-Lothringen wurde die Batterie Mitte September 1914 in viertägiger Bahnfahrt nach St. Quentin in Nordfrankreich gebracht. Dort erlebte Fritz Habekost, wie Franzosen und Briten die deutschen Armeen an der Marne aufhielten. Die Soldaten gruben sich immer tiefer in die Erde. In sein Tagebuch notierte Habekost:

Der Krieg war längst Alltag, doch was Habekost am 5. Oktober 1914 vor den deutschen Stellungen am Flüsschen Aisne beobachtete, ließ ihm trotzdem das Blut in den Adern gefrieren:

Angesichts solcher Erlebnisse suchten viele Soldaten Trost im Glauben.

Seit dem 20. Oktober 1914 war die 5. Batterie auf dem Marsch Richtung Nordwesten, nach Flandern. Dort tobten um die Stadt Ypern heftige Kämpfe. Die Verpflegung blieb an vielen Tagen dürftig. Am 24. Oktober nächtigten sie im Dorf Quivières an der Somme. Dort aßen sie sich satt – ungeniert auf Kosten der Dorfbewohner

Am 30. Oktober 1914 feuerten die Kanoniere der 5. Batterie erstmals seit drei Wochen wieder ihre Geschütze ab. An der französisch-belgischen Grenze kämpften sie nun gegen britische Truppen. Mitten im Menschenschlachthaus Ypern richteten sich Habekost und seine Kameraden eine „Erdwohnung“ ein – mit Tisch, Stühlen und einem Ofen. Trotzdem war ihr Unterstand immer feucht, sie hatten ständig Husten, Hals- oder Gliederschmerzen. Wer Fieber oder gar eine Lugenentzündung hatte, kam für ein paar Tage ins Lazarett.

Am 5. Dezember stand Habekosts Erdhöhle plötzlich knietief unter Wasser. Am Abend dieses Tages wurde die Geschützbesatzung nach fünf Wochen schwerer Kämpfe abgelöst. Die Soldaten bezogen im belgisch-französischen Grenzort Wervik Quartiere. Dort deckten sie sich mit Lebensmitteln ein, bevor sie nach fünf Tagen „in Ruhe“ wieder zurück in die Stellung mussten. Die schlimmsten Kämpfe um die Stadt Ypern waren zwar seit Mitte November vorbei, doch auch jetzt starben täglich Hunderte von Soldaten. Über die ersten Wochen in Flandern schrieb Fritz Habekost ins Tagebuch:

Am 18. Dezember 1914 wurde Fritz Habekost 23 Jahre alt, sein erster Geburtstag im Krieg. Die Feldpost brachte ihm vier Pakete. Doch nicht alles, was die Angehörigen daheim eingepackt hatten, erreichte den Empfänger – sogenannte „Etappenschweine“ vergriffen sich an den Paketen aus der Heimat. Und auch die Zensoren der Obersten Heeresleitung griffen stichprobenartig Sendungen heraus, um sie auf kritische Passagen oder militärische Geheimnisse zu untersuchen:

Weihnachten rückte näher, doch von Frieden war in Flandern keine Spur. Täglich dasselbe: morgens an die Geschütze, ein paar Granaten abfeuern bis die Engländer das Feuer erwidern, Deckung suchen, ausharren. Am 21. Dezember 1914 wurde der Batteriechef, Hauptmann Leopold Hemming, durch einen Granatsplitter in der Brust tödlich verletzt. Habekost verarbeitete den Tod des offenkundig beliebten Vorgesetzten in einem Gedicht – „Der tote Krieger“:

Auch am Heiligen Abend 1914 erhielt Habekost heiß ersehnte Post aus der Heimat. Über die Weihnachtstage 1914 notierte er:

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Das Kriegstagebuch von Fritz Habekost um Weihnachten 1915.

1915

Ein schlechtes Weihnachtsfest, nichts weiter als ein paar Nüsse und satt zu Essen.“

Das neue Jahr begann für Fritz Habekost, wie das alte aufgehört hatte: Schutz vor Fliegern suchen, Briefe schreiben, Skatspielen im Unterstand. Ab und zu ein Fußballspiel – sogar mit den Offizieren. Im Tagebuch berichtet er von Langeweile, Sehnsucht und Todesangst. Doch auch Kriegsbegeisterung brach sich in einigen Einträgen Bahn.

Im Frühjahr 1915 begann Habekost, das Leben an der Front auch zu fotografieren. Seine kleine Taschenkamera, Fabrikat „Lilliput“, war technisch der letzte Schrei. Die Bilder zeigen Kanoniere an den Haubitzen – und das Zerstörungswerk der Waffen: zerschossene Dörfer, umgepflügte Erde, Baumgerippe in toten Wäldern.

 Habekost wurde Zeuge des ersten Giftgas-Angriffs der Deutschen am 22. April 1915 und sah, wie die Chlorgas-Schwaden in den britischen und französischen Schützengräben ihre verheerende Wirkung entfalteten. Am Kriegsverlauf änderte der neue Kampfstoff nichts: Weder die Deutschen noch ihre Gegner konnten die Front durchbrechen.

Bis zum 30. Dezember 1915 blieb Fritz Habekost mit seiner Batterie bei Ypern. Wieder tagein tagaus dasselbe: Trommelfeuer, Angriffe, Gegenangriffe, nasse Füße in den Gräben und massenhaft Ratten. Über die zweite Kriegsweihnacht schrieb er:

Und so stellte sich eine österreichische Schallplattenfirma Weihnachten im Krieg vor:

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Das Kriegstagebuch von Fritz Habekost um Weihnachten 1916.

1916

Abends Weihnachtsbaum mit ein paar Lichtern aufgestellt und eingeschlafen – bin ganz kaputt.“

Anfang 1916 wurden die Kanoniere im Hinterland der Front eingekleidet und ausgerüstet. Neue Uniformen, scharf geschliffene Seitengewehre – alte Frontschweine wie Fritz Habekost wussten, was das zu bedeuten hatte: eine Offensive, riesigen Schlamassel. Am 25. Januar 1916 wurden Haubitzen, Wagen, Pferde und Kanoniere am Bahnhof verladen. Es ging nach Südosten, ins Tal der Maas, nach Verdun! Fritz Habekost musste in eine Schlacht, die heute als Synonym für Schrecken und Sinnlosigkeit des Krieges steht.

In den Wäldern nördlich von Verdun bauten die Kanoniere der 5. Batterie Stellungen, Unterstände und Wege, sogar eine Feldeisenbahn. Für jede Haubitze wurden mehr als 1000 schwere Geschosse herangeschafft. Ein Frontabschnitt von zehn Kilometern Breite sollte mit einer Million Granaten eingeebnet werden. Erfahrene Artilleristen suchten den Horizont nach Zielen ab und werteten Luftaufnahmen aus. Fritz Habekost zeichnete die französischen Festungswerke minutiös in Skizzen ein und berechnete die Zielkoordinaten.

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Skizze der Festungswerke von Verdun von Fritz Habekost.

Am 21. Februar 1916 um 8.12 Uhr eröffneten 1220 deutsche Kanonen, Haubitzen und Mörser, darunter riesige Eisenbahngeschütze, das Feuer auf die französischen Forts um Verdun. Am vierten Tag der deutschen Offensive wechselte die 5. Batterie ihre Stellung. Sie galloppierte mit ihren Geschützen in den Wald von Charrières – ein Ort, den Fritz Habekost nie wieder vergessen sollte.

Im April 1916 litt Habekost unter einer fiebrigen Erkältung, schlimmen Zahnschmerzen und Schlafstörungen. Er verbrachte einige Tage im Lazarett und sah viele schwer verwundete Soldaten. Dann ging es wieder zurück zur Batterie. Die Deutschen schossen Trommelfeuer, die Franzosen schossen zurück. 24 Stunden, sieben Tage in der Woche. Nach einigen Tagen wurde die Besatzung der Geschütze für einige Tage abgelöst. Habekost hatte ein Quartier im Dorf Bouligny, wo er etwas Französisch lernte. Auch seine Brüder August und Otto kämpften inzwischen an der Westfront. Die Kämpfe um Verdun dauerten schon ein Vierteljahr – und die Materialschlacht wütete weitere sieben Monate. So erlebte Fritz Habekost die Schlacht um Verdun:

Erst am 14. Dezember 1916 entkam Habekosts Batterie der Hölle von Verdun. Mehr als 300.000 Soldaten waren tot, die Frontlinie hatte sich kaum verändert.

Neben Verdun war der Fluss Somme 1916 ein Brennpunkt des Krieges. Hier versuchten Briten und Franzosen seit dem 1. Juli 1916 letztlich vergeblich, die Stellungen der Deutschen zu durchbrechen. Deutsche Kriegskinematographen filmten an diesem Schauplatz für einen Propagandafilm. Ein 46-minütiges Video aus dem Bundesarchiv mit den Original-Stummfilm-Sequenzen finden Sie hier.

„Wohin kommen wir wohl jetzt?“, fragten sich die Soldaten in ihren eiskalten Waggons. Saarbrücken, Stuttgart, München, Salzburg, Wien, Budapest – der Zug hielt erst an der ungarisch-rumänischen Grenze. In den Karpaten kämpften sie bald mit ihren österreichisch-ungarischen Verbündeten gegen die Russen.Statt ruhiger Weihnachtstage am heimeligen Kaminfeuer erwarteten Fritz Habekost anstrengende Märsche durch tiefen Schnee.

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Kriegstagebuch von Fritz Habekost: Weihnachten 1917

1917

Ein scheußlicher Heiliger Abend, ich dachte nur an meine Lieben daheim.“

Auch die Kämpfe in den tief verschneiten Bergen der Karpaten waren unbarmherzig. Aber anders als an der Westfront machte der Krieg Pausen. Selbst Flachländer wie Fritz Habekost lernten Skifahren und Rodeln. Bis in den März war es bitterkalt, die Verpflegung blieb dürftig. Post gab es nur selten, Konserven mit Spargel oder Braunkohl aus Braunschweig empfand Habekost als Delikatessen.

Bis Ende April 1917 blieb die 5. Batterie in den Karpaten. Dann erhielt Habekosts Artillerie-Regiment erneut den Befehl, zum nächsten Bahnhof zu marschieren. Durch Ungarn, Galizien und das heutige Polen ging es fast 1700 Kilometer nach Norden. Am 9. Mai 1917 erreichte ihr Transport die heutige litauische Hauptstadt Vilnius. Von dort fuhr die 5. Batterie weiter in Richtung Ostsee, bis ihr Zug am 15. Mai 1917 entgleiste.

Schließlich erreichten Habekost und seine Kameraden doch noch ihren neuen Einsatzort bei der Bahnstation Jelgava im heutigen Lettland. Die Russen verteidigten Riga und den Fluss Düna verbissen. Im Juli 1917 wurden die Kämpfe noch einmal heftiger.

Keine Offensive, sondern die Oktoberrevolution der Bolschewiki in Petersburg änderte schließlich die Lage: Lenin wollte Frieden machen. Deutschland und Österreich-Ungarn diktierten der neuen Sowjet-Regierung harte Friedensbedingungen. Und auch im Krieg gegen Italien glückte eine Offensive der deutschen und österreichisch-ungarischen Truppen. Standen die Mittelmächte etwa doch noch vor dem Sieg? Das ständige Hin und Her des Kriegsjahres 1917 spiegelt sich in Fritz Habekosts Tagebuchaufzeichnungen:

Kein Krieg – das hieß für viele Soldaten: Heimaturlaub. Auch Fritz Habekost durfte seine Lieben besuchen. Im Juni 1917 verliebte er sich in ein Mädchen aus der Nachbarschaft. Die Bäckerstochter Meta Homann – Habekost nannte sie „Mete“ – hatte ihm seit Kriegsausbruch immer wieder Briefe geschrieben. Nun wurden die 17- und der 25-Jährige auch offiziell ein Paar. Ein weiterer Urlaub im Oktober und November 1917 sollte das Leben der Liebenden für immer verändern:

Fritz Habekost musste zurück nach Lettland an die Front. Seine „Mete“ war schwanger – sie schrieb es ihrem Fritz eher andeutungsweise und verschämt. Zur vierten Kriegsweihnacht standen zwei unglückliche junge Menschen vor einer ungewissen Zukunft:

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Kriegstagebuch von Fritz Habekost - Heimkehr 1918

1918

Ach diese beiden Lieblinge – wie ich mich freue! Nun habe ich sie doch wieder!“

Mitten im Krieg hatte Fritz Habekost als Fronturlauber ein 17-jähriges Mädchen geschwängert – ein Skandal! Anfang 1918 musste er mit seinen Kameraden wieder mal in eiskalte Bahnwaggons klettern. Sie fuhren quer durchs Deutsche Reich bis Straßburg und bezogen ihre alte Kaserne. Von dort mussten sie Ende Januar abermals an die Front in den Vogesen, ganz in die Nähe ihrer Feuertaufe 1914. Mete schrieb ihm selten – und wenn, dann nur sehr knapp. Habekost war ganz unten:

Tatsächlich plante die deutsche Oberste Heeresleitung eine Frühjahrsoffensive an der Westfront – und wieder starben Hunderttausende von Soldaten. Mitte April 1918 wurde auch die 5. für einen Durchbruchsversuch nach Flandern gebracht. Also wieder Ypern, wieder Ruinen, Schlamm und zerschossene Geisterwälder. Den deutschen Truppen standen nun auch amerikanische Soldaten gegenüber. Die Alliierten verfügten über mehr Flugzeuge als die Deutschen – und über die neueste tödliche Waffe: Panzer, damals „Tanks“ genannt. Trotzdem drangen deutsche Stoßtrupps tief in die alliierten Stellungen ein, bis ihre Angriffskraft 80 Kilometer vor Paris erschöpft war.

Immer mehr Soldaten meldeten sich krank. Sie litten unter der spanischen Grippe, einer aggressiven Variante der Influenza. Habekost schrieb von magerer Verpflegung und dauerndem Hunger. Trotzdem befahl die Oberste Heeresleitung eine Offensive bei Reims. Am 15. Juli 1918 versuchten die Deutschen dort ein letztes Mal, die Front der Alliierten zu durchbrechen:

Das Morden nahm noch immer kein Ende, der Krieg ging noch fast vier blutige Monate weiter. Trotzdem durfte Fritz Habekost am 27. Juli 1918 in den Urlaub nach Mascherode fahren – zur Geburt seines Sohnes:

Der junge Vater musste noch einmal zurück in den Krieg. Jetzt nur am Leben bleiben! Die letzten Kämpfe erlebte er in den Vogesen – dort, wo er 1914 die ersten Gefallenen gesehen hatte. Ab Mitte Oktober 1918 dokumentierte Habekost, wie sich bei ihm und vielen seiner Kameraden Kriegsmüdigkeit und revolutionäre Gedanken Bahn brachen. Den Waffenstillstand und die Novemberrevolution erlebte er in Mülhausen im Elsass:

Am 13. November 1918 verließ auch die 5. Batterie das Elsass und überquerte den Rhein. Nach einem Marsch durch den Schwarzwald wurden die Soldaten per Bahn nach Korbach in Nordhessen gebracht.

Am Nikolaustag 1918 war der Erste Weltkrieg für den Soldaten Fritz Habekost vorbei, sein Verband wurde aufgelöst. Wie durch ein Wunder hatte er das große Sterben in Ypern, Verdun und vor Riga ohne schwere Verwundung überstanden. Über die Rückkehr nach Mascherode schrieb Habekost:

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Die letzte Seite des letzten Kriegstagebuchs von Fritz Habekost.

Epilog

Bis hierhin und nicht weiter.“

Fritz Habekost und Meta Homann heirateten 1920 und bekamen vier Kinder. Der junge Vater machte sich mit einem Baugeschäft selbständig – und ging während der Weltwirtschaftskrise konkurs. Im Dritten Reich arbeitete Fritz Habekost für den Reichsarbeitsdienst und leitete im Zweiten Weltkrieg als Soldat das Braunschweiger Heeresbekleidungsamt. Anfang 1944 fiel der jüngste Sohn Hubert in Russland. 1950 starb auch Meta im Alter von nur 50 Jahren. Sie konnte Huberts Tod nie verwinden – zwei Weltkriege hatten sie und ihre Generation gezeichnet.

Fritz Habekost verarbeitete seine Trauer, indem er sich als Heimatpfleger in Mascherode engagierte. Er verfasste eine Chronik über das Dorf und starb 1968 im Alter von 77 Jahren. Auf die letzte Seite des zehnten Kriegstagebuchs schrieb er:

Recherche und Text: David Mache; Sprecher: Andreas Berger; Umsetzung: Philipp Engel; Mitarbeit: Nicolas Schunn

Bei den Audiofiles mit der Rede Kaiser Wilhelms II. zum Kriegsausbruch 1914, dem Feldgottesdienst und der Ansprache des Feldgeistlichen zum Weihnachtsfest handelt es sich um sogenannte „Hörbilder“. Diese wurden während des Krieges auf Schallplatte produziert und verkauft. Sie stammen aus dem Deutschen Rundfunkarchiv in Babelsberg und wurden im Sommer 2014 im Archivradio von SWR 2 gesendet.

Für die technische Unterstützung beim Vertonen der Tagebuch-Passagen danken wir André Neundorf Musikproduktion in Cremlingen.